Stephan Wald

  • geboren 14.04.1951 in Gau-Algesheim bei Mainz
  • Schüler am SGG von 1962 – 1970
  • Abiturjahrgang 1970
  • nach Abitur und Zivildienst (als Krankenpfleger) 2 Semester Theologiestudium in Mainz
  • 3 Jahre Schauspielschule auf der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Hamburg (Abschluss mit  Diplom)

 

Beruflicher Werdegang:

  • 2 Anfängerjahre am Stadttheater Luzern/CH
  • 3 Jahre am Stadttheater Koblenz
  • Wechsel ins Ensemble des Hamburger Kabaretts "Das Schiff“
  • Gastrollen an den Hamburger Theatern „Kammerspiele“ und „Ernst-Deutsch-Theater“
  • 1986 das erste Soloprogramm: "Die Hungergala“
  • seitdem viele Fernseh- und Rundfunkauftritte
  • 1989 das 2. Programm: "Öko-Sat“
  • 1993 das 3. Programm: "Schizofritz“
  • 1996 das 4. Programm: "Nanga Parbat“
  • ab Oktober 1998 vollständiger Rückzug aus der Öffentlichkeit ("kreative Auszeit“)
  • Herbst 2000: Große Tournee mit dem neuen Programm „Zombieland"
  • 2003 der Entschluss, nur noch zu leben als „Privatier“
  • 2007 allmählich erwachende Lust, sich wieder zu Wort zu melden und mit theatralischen Mitteln Einmischung in unsere gesellschaftlichen Verhältnisse zu betreiben

Auszeichnung: Einmal Vierteljahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik

 

Gespräch mit Stephan Wald

über seine Biographie (1996)

 

Wo sind Sie geboren?

Im Schlafzimmer meiner Eltern. Mein Geburtshaus steht in dem linksrheinischen zwischen Mainz und Bingen gelegenen Klein- und Weinstädtchen Gau-Algesheim, auf dessen schönem Friedhof man mich eines Tages wohl auch begraben wird.

Ich frage nach Ihrer Geburt und Sie sprechen vom Tod.

Sieht es nicht so aus, als ob der Mensch im Augenblick seines Todes seine Geburt wieder erlebe? Eine Geburt ist ja nichts Idyllisches, weder für die Mutter noch für das Kind, das in dem Augenblick, in dem es die Vagina passiert, bereits zu sterben glaubt.

Jedenfalls trifft der erste Atemzug zusammen mit dem ersten, Panik auslösenden Gefühl des Erstickens. Doch dann ist das Kind erleichtert und frei. Ich kam übrigens 14 Tage zu früh zur Welt. Erst ist's im Mutterschoß zu eng und dann auf Erden...

Klingt ein bisschen so, als seien Sie in den Tod verliebt.

 Denken Sie nur an Dinge oder Menschen, in die Sie verliebt sind? Nein. Ich gebe zu, der Gedanke an den Tod steigert meine Liebe zum Leben, zu dem meinigen und zu dem vieler anderer, zum Leben über­haupt. Ich behaupte, sich selber und anderen unverstellt zu begegnen, ist nur möglich, wenn man der Frage des Todes nicht ausweicht.

Je mehr man diese Frage verdrängt, um so stärker wird die Angst, und zwar auch die Lebensangst. Die Angst vor dem Tod macht doch ungeheuer erpressbar und unfrei.

Sie wirken sehr lebendig, wenn Sie so reden.

Das kann sich schnell ändern. Sie brauchen mich nur zum Beispiel nach den Autos zu fragen, die ich alle schon gefahren habe. Aber die waren alle nicht so schön wie das Dreirädchen, das in meiner Kindheit bei meinem Großvater im Schuppen stand.

Haben Sie schon als Kind an den Tod gedacht?

Er gehörte zum Leben. Als aufmerksamer Beobachter von katholischen Tauf- und Beerdigungszeremonien bekam ich schon früh ein Gefühl für das Gespanntsein des Lebens zwischen Geburt und Tod, für die unver­schämte Kürze des Lebens allerdings erst, als ich aus dem Kosmos der Kindheit längst herausgetreten war.

Trotzdem entwickelte sich ein komisches Talent bei Ihnen?

Trotzdem? Gerade deswegen! Wer so früh so tief inhaliert, wie eng Freuden und Leiden des menschlichen Lebensdramas miteinander verwoben sind, der hat gute Voraussetzungen, sich zum Komiker zu entwickeln.

Jedenfalls spürte ich schon damals den Drang, Menschen nachzumachen, weil sie mich unentwegt in Erstaunen versetzten. Wahrscheinlich waren die Eindrücke auf mich so übermächtig, dass ich sie nur verarbeiten konnte, indem ich sie nachspielte.

Deswegen spielen Kinder ja so gerne Theater. Sie sind, nebenbei bemerkt, auch das beste Publikum, und wenn ich gutes Erwachsenenpublikum vor mir habe, schaue ich meist in Kinderaugen. „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder..."

Stimmt es, dass Sie mal Pfarrer werden wollten?

Ja, das heißt, zunächst Kaplan und später dann vielleicht sogar Papst, also Weltstar. Und nach meinem Tode vielleicht heilig gesprochen zu werden, diese Vorstellung fand ich auch angenehm.

Erst später fand ich heraus, dass hinter all dem eher der Wunsch steckte, Schauspieler zu werden. Zunächst begnügte ich mich damit, die tollen Predigten unseres Kaplans nachzuspielen. Die Pfarrkirche in Gau-Algesheim war mir näher als das Mainzer Stadttheater, Rom näher als Hollywood. Also besuchte ich nachher am Gymnasium den altsprachlichen Zweig, lernte mehr Altgriechisch und Latein als Englisch, um nach dem Abitur mit dem Theologie­studium beginnen zu können.

Waren Sie der Klassenkasper?

Nein, im Gegenteil, ich war ein sehr schüchterner Schüler. Um so erstaunter waren meine Mitschüler, als sie irgendwann herausfanden, dass ich sämtliche Lehrer nachmachen konnte. Sie erfuhren es nur, weil mein Schulfreund petzte. Von da an ließen sie mir keine Ruhe, bis ich vor versammelter Klasse Farbe bekannt hatte. Es war ein befreiendes Erlebnis für mich. Da tauchte zum ersten Mal der Gedanke auf, vielleicht Schauspieler werden zu wollen, obwohl ich einem solchen Wesen noch nie leibhaftig begegnet war. Dabei hatte mir mein Vater für den Fall, dass ich Kaplan werden würde, längst einen funkelna­gelneuen schwarzen VW-Käfer versprochen.

Den haben Sie dann ja nie bekommen.

Doch. Allerdings einen roten, und zwar als ich schon am Theater war.

Sie gingen nach dem Abitur gleich an eine Schauspielschule?

Nein, da ich ja nicht mehr Theologie studieren wollte, musste ich - trotz Plattfüßen - zunächst zur Bundeswehr. Nach München. Wollen Sie mich nicht fragen, warum ich nicht verweigerte?

Weil man mir zusicherte, ich käme zu den Sanitätern, also in die Nähe der Opfer, was ich vor mir selber vertreten zu können glaubte, bis ich merkte, dass ich während der ersten drei Monate zunächst zum Täter statt Sanitäter aus­gebildet werden sollte, zum Täter wohlgemerkt, nicht zum Mörder, nein, denn die Zielscheiben waren ja „nur" Pappfiguren. „Soldat Wald zeigt ein auffallen­des Desinteresse an der Pistole", rief ein Gruppenführer irgendwann, und ich bemühte mich nicht, diesen Eindruck zu korrigieren, sondern bestätigte ihn schriftlich, indem ich einen Antrag auf Anerkennung als Kriegsdienstverwei­gerer stellte, dem nach mündlichem Verhör vor einem Ausschuss stattgegeben wurde.

Sie leisteten dann Zivildienst?

Ja, nach dreimonatiger Wartezeit fand man eine Stelle für mich im Krankenhaus Bad Dürkheim, wo ich fünfzehn Monate lang in der Krankenpflege arbeitete.

Empfanden Sie das nicht als Bremse für Ihren Drang zum Theater? Nicht als Bremse im negativen Sinn. Der Drang zum Theater ließ tatsächlich nach. Der Umgang mit schwerkranken und sterbenden Menschen berührte mich so sehr, dass mir der Wunsch, Schauspieler zu werden, plötzlich eitel vorkam. Ich wusste ja damals noch nicht, dass ein guter Schauspieler von ebenso großer Hingabefähigkeit an die Menschen sein muss wie ein Priester oder Krankenpfleger. Deswegen wollte ich nun doch lieber Seelsorger sein. Sterbenden Menschen kann nun wirklich kein Schauspieler mit seiner Kunst helfen. Ich gewann diese Menschen lieb und spürte, dass ich unendlich viel von Ihnen zurückbekam, mehr als ich je geben konnte.

Also doch Theologiestudium?

Ja, zumindest ein Versuch, und zwar an der Johannes-Gutenberg­-Universität in Mainz. Doch bereits im zweiten Semester wurde ich zwischen all den Büchern unruhig, ja ungeduldig, denn es war zumindest bis dahin kein Wissen drin enthalten, mit dem ich den sterbenden Menschen hätte Trost spenden können. Dann dachte ich, diese Menschen waren auch einmal gesund, und damals gab es zumindest als Angebot etwas für sie, was genauso wichtig ist wie Krankenhaus, nämlich das Theater und seine erneuernde Kraft. Das Wesen des Theaters ist die Verwandlung. Und die letzte Verwandlung ist der Tod. Und mit dem sollte man sich, wenn das Leben ein wenig besser gelingen soll, nicht erst auf dem Sterbebett auseinandersetzen. So ähnlich versuchte ich, meinen wiedererwachten Drang zum Theater zu rechtfertigen, völlig unnötig, wie ich heute finde.

Wieso?

Es reicht, sich zum Theater hingezogen zu fühlen, sofern genügend Talent vorhanden ist.

Sie gingen dann also zur Schauspielschule?

Ja, an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Hamburg die Aufnahmeprüfung zu bestehen, war für mich einer der glücklichsten Momente in meinem Leben, auch wenn ich mich dort sehr unglücklich in eine Mitschülerin verliebte.

Aber diesmal kein Abbruch des Studiums?

Nein, brav drei Jahre bis zum „Diplom". Und danach zwei Anfängerjahre am Stadttheater Luzern. Nach drei weiteren Jahren am Theater der Stadt Koblenz sah ich mich vor eine schwierige Entscheidung gestellt. Denn nie ging mir der Satz aus dem Ohr, den einer unserer Lehrer, der Schau­spieler Wolf-Dietrich Sprenger, einmal gesagt hatte: „Wenn man nach fünf Jahren Schauspielerei nicht rauskommt aus der Provinz, schafft man es wahrscheinlich nie."

Doch ein Angebot eines Theaters aus der Metropole lag nicht vor, nicht mal aus dem nahe gelegenen Bonn, was zumindest ein kleiner Sprung gewesen wäre. Stattdessen spielte ich an einem Tag der offenen Tür, an dem Mitglieder des Koblenzer Opern-, Ballett- und Schauspielensembles mit Darbietungen aufwarteten, im überfüllten Haus einen parodistischen „Bericht aus Bonn". Den Begeisterungssturm, den ich damit auslöste, hätte ich in dem ehrwürdigen Theater nicht für möglich gehalten.

Wenig später erhielt ich das Angebot, in das Ensemble des Hamburger Kabaretts „Das Schiff" einzutreten, dem damals einzigen seetüchtigen Schiffstheater Europas, das allerdings die meiste Zeit in einem Fleet der Hamburger Innenstadt festgemacht ist.

Wären Sie nicht lieber ans Hamburger Schauspielhaus gegangen?

Vielleicht. Schließlich fühlten wir uns als Schauspielstudenten allesamt dazu berufen, am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg zu spielen. Aber damals war ich einfach nur froh, wieder in der Metropole zu sein. Und Kabarett hatte mich auch immer schon interessiert, nicht zuletzt deshalb, weil es zeitgenössischer war als viele Theater. Und es gibt fast ebenso viel schlechtes Theater wie schlechtes Kabarett. Auf der Bühne des Deutschen Schauspielhauses stand ich später dann übrigens doch noch, und zwar als Solokabarettist.

War das nicht eine große Umstellung, von der Schauspielerei am Theater zum Kabarett?

Anfangs machte es mir sehr zu schaffen, dass die räumliche Distanz zwischen Akteuren und Publikum so gering war in diesem Kabarett­Schiff. Es verursachte mir so viel Angst, dass mir die Knie schlotterten. Dies verlor sich jedoch bald und kehrte nur noch einmal zurück, als ich nämlich plötzlich feststellte, dass der Schauspieler Gert Fröbe in der ersten Reihe, also direkt vor mir saß, wenn auch mit einem verschmitzt ­wohlwollenden Blick. Er gab mir anschließend sehr aufmunternde Worte, die zur Initialzündung wurden für mich, es mal mit einem Soloprogramm zu versuchen. Das Soloprogramm war eine noch viel stärkere Umstellung, denn ich wusste nicht, ob ich es durchhalten würde, zwei Stunden lang allein auf der Bühne zu agieren, ohne die Leute zu lang­weilen.

Wann kamen Sie mit Ihrem ersten Soloprogramm heraus?

Im Herbst 1986. Ich ging auf Tournee mit dem Programm „Hungergala". Anderthalb Jahre zuvor hatte mir Inge Meysel noch prophezeit, ich „Traumtänzer" würde mich jeden Abend mit 30 Zuschauern begnügen müssen, weil ich außerhalb Hamburgs doch völlig unbekannt sei, worauf ich ihr trotzig entgegnete: „Na und? Dann werden es halt allmählich mehr Leute!"

Dass ich mich dann doch auf Anhieb eines regen Besucherstromes habe erfreuen können, verdanke ich der Idee eines Journalisten aus Bonn namens Günter Walter. Der hatte über Radioleute des NDR von mir erfahren und wollte eine Schallplatte mit mir produzieren, was ich zunächst nicht glauben mochte.

Auf so eine Idee war ich selber nicht gekommen, ich „Traumtänzer". Die Platte hieß dann „Ich bin Kohl, mein Herz ist rein." Als Mitwirkende konnten noch Elke Heidenreich und Thomas Freitag gewonnen werden. Über die Schallplatte wurde mein Name im Rundfunk bekannt. Die Presse berichtete darüber ebenso wie über manche Fernsehauftritte, zu denen ich nun eingeladen wurde. So blieb mir die Ochsentour, erstmal vor leeren Stuhlreihen zu spielen, erspart.

Wie viele abendfüllende Programme folgten noch?

Im Abstand von jeweils drei Jahren folgten noch „Öko-Sat" und „Schizofritz". Doch bei jedem Projekt muss man immer wieder neu anfangen und man weiß nicht, ob das Unterfangen gelingt.

So ähnlich müssen sich Bergsteiger fühlen.

Nicht der schlechteste Vergleich. Mein nächstes Projekt heißt übrigens „Nanga Parbat". Das ist ein Berg im Himalaja, den man, seit der deutsche Bergsteiger Hermann Buhl 1957 dort abstürzte, auch „Schicksalsberg der Deutschen" nennt.

Hätten Sie gerne mal in einem Film gespielt?

Ja, in „Dead Man" und in „DeadMan Walking".

Wegen Ihres Lieblingsthemas?

Klar. Auch. Mehr noch aber wegen Johnny Depp und Susan Sarandon.

 

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