Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert zu Gast beim 100. SGG-Forum des Stefan-George-Gymnasiums

 

„Politik ohne Interessen ist wie Wassersport ohne Wasser“

 
Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert zu Gast beim 100. SGG-Forum des Stefan-George-Gymnasiums
 
 
Für die 2003 von Lehrer Egon Goldschmidt ins Leben gerufene Veranstaltungsreihe „SGG-Forum“ markierte der 5. Februar 2013 in vielerlei Hinsicht ein absolutes Highlight. Mit stolzem Rückblick auf eine zehnjährige Historie konnte man zugleich die 100. Jubiläumsveranstaltung mit einem ganz besonderen Gast feiern: Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert. Schnell hatte sich der Raum N.3 pünktlich zu Beginn der Veranstaltung mit SchülerInnen der Klassen 11 bis 13 gefüllt, um dem hohen Gast einen freundlichen Empfang zu bereiten. In einer herzlichen Begrüßung eröffnete Schulleiterin Renate Seipel die eineinhalbstündige Veranstaltung. Der Ex-Schülersprecher und Abiturient Daniel Baldy hatte die Initiative ergriffen und es geschafft, den außergewöhnlichen Gast ins Stefan-George-Gymnasium zu holen.
Bereits vorab hatte man sich für drei Schwerpunktthemen entschieden, deren Brisanz aktuellen Zündstoff für die Diskussion lieferte.
Politikergehälter?
NPD-Verbot?
Mali-Konflikt?
 
 
Und Norbert Lammert enttäuschte das Plenum nicht. Zwei Stunden lang stand er Rede und Antwort. Seine Standpunkte brachte er äußerst präzise, klar und differenziert auf den Punkt und brillierte durch Kompetenz und Eloquenz, nicht selten gewürzt mit feiner Ironie und Wortwitz.
Gebannt folgten die Zuhörer, mitunter hätte man die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören können. Diese Atmosphäre füllte er in angenehmer Weise durch sein ausdrucksstarkes Charisma und vermittelte jederzeit ein Gefühl der Publikumsnähe. Die volle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und seine Zuhörer förmlich an die Wand zu nageln, war ihm ein Leichtes.
 
„Politiker fallen nicht vom Himmel.“ Das Durchschnittsalter eines Bundestagsabgeordneten liege bei ca. 50 Jahren und da sei es doch selbstredend, dass ein solcher mit Berufserfahrung aus einem anderen Betätigungsfeld, beispielsweise der Wirtschaft, zur Politik komme. Ob man dieser beruflichen Vergangenheit jedoch einen so hohen Stellenwert beimessen dürfe, sei fragwürdig. Und wenn tatsächlich Abhängigkeiten zwischen ebendieser und den jeweiligen politischen Interessen erkennbar würden, sei dies im Zweifelsfall als völlig ungefährlich einzuschätzen. Denn man müsse sich von der Illusion lösen, es gäbe die neutrale und interessenlose Position eines Politikers, pointierte Lammert. Ganz im Gegenteil: „Politik ohne Interessen ist wie Wassersport ohne Wasser“, erklärte der Bundestagspräsident bildhaft. Die Gretchenfrage sei auch hier, ob nicht die politischen Interessen, die den persönlichen Erfahrungen entspringen, schwerer wiegen als die, welche der Sachverstand formt. Insbesondere die harsche Kritik gegenüber Kanzlerkandidat Peer Steinbrück, der ja das Kanzlergehalt offen und ehrlich als zu niedrig eingestuft hatte und durch diverse Nebeneinkünfte diese Debatte ins Rollen gebracht hatte, sei ein „albernes“ und „einäugiges“ Produkt der Medien. Die Offenlegung von Nebeneinkünften und die ehrliche Antwort Peer Steinbrücks dürfe nicht weiter hochgekocht und ihm zum Vorwurf gemacht werden, verteidigte Lammert seinen Kollegen parteiübergreifend fair. Insgesamt stufte Lammert die Wichtigkeit einer allgemeinen Transparenz allerdings als sehr hoch ein. 
 
 
Die Frage, ob sich der Bundestag einem NPD-Verbotsverfahren anschließen soll oder nicht, steht derzeit im Fokus der medialen Berichterstattung.
Unter Verweis auf die bestehende Rechtslage der Verfassung hob Lammert hervor, dass es sich bei dem Verbot einer Partei um eine „Kann“-Bestimmung handele und nicht um ein unbedingtes Muss.
Lammert schätzt einen weiteren Verbotsantrag des Bundestags als sehr kontraproduktiv ein, da dieser das Bundesverfassungsgericht unter Druck setzen könne.
In Anbetracht der prozentualen Schwäche der NPD bei Wahlen und unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die NPD in dieser Form keine akute Gefährdung für die Demokratie in Deutschland darstelle, klassifizierte er die Durchsetzung eines Verbots insgesamt als sehr unwahrscheinlich.
Pragmatisch argumentiert, müsse man bedenken, was die Durchsetzung des NPD-Verbots zur Folge hätte: 
Würden die Verfechter dieses rechtsextremistischen Gedankenguts es wirklich ablegen? Oder würde ein Verbot eher zu einer Trotzhaltung von politischen Märtyrern führen? Der Inhalt des Kartons sei schließlich nicht ausgelöscht, wenn man dessen Verpackung beseitige, betonte Lammert mit anschaulicher Überzeugungskraft. Man müsse klar zwischen dem Kampf gegen die Partei und die eigentliche Ideologie, die durch ein Parteiverbot nicht aus der Welt geschaffen würde, differenzieren. Dort liege der intellektuelle Kurzschluss der Befürworter eines Parteiverbots, ein Verbot sei eine Ersatzhandlung und bringe nichts. Das Theater gehe weiter, lediglich unter anderem Parteinamen: die Rechte. 
 
Und auch im letzten Teil der Veranstaltung ebbte die Aufmerksamkeit des Publikums keineswegs ab: Mali-Einsatz.
Soll sich Deutschland an der Seite Frankreichs an einem militärischen Einsatz in Mali beteiligen? Ist das französische Interesse an Mali lediglich das der Terrorismusbekämpung oder unter Umständen auch ein ökonomisches? Zeichnen sich hier Spuren von Neokolonialismus ab?
Dabei sieht Lammert durchaus zahlreiche Unwägbarkeiten, was die Zukunft und Entwicklung Malis anbelangt, reißerische Schlagzeilen jedoch wie „Mali – das zweite Afghanistan?“ seien nicht hilfreich. 
 
Das bildungspolitische Fass, das Schulleiterin Frau Renate Seipel gegen Ende der Veranstaltung noch aufmachen wollte, war dann doch etwas zu groß und etwas ironisch entgegnete Lammert: „Damit könne man wohl den Rest des Nachmittags verderben.“ Vielleicht auch im Hinblick auf ein Wiedersehen? Das bleibt auf jeden Fall zu hoffen. Selbst wenn dem nicht so sein wird, wäre es dennoch mehr als notwendig und wünschenswert weitere Personen solchen Kalibers in Empfang nehmen können. Der Lammert-Besuch am Stefan-George-Gymnasium dürfte allerdings schwer zu toppen sein.
Prof. Dr. Norbert Lammert: Ein Vollblutsparlamentarier und intellektueller Einmischer par excellence, der das allgemein verbreitete, schlechte Bild von Politikern in das rechte Licht zu rücken vermochte, eine Lehrstunde der besonderen Art für die Schüler des Stefan-George-Gymnasium, die sich wohl alle eine Scheibe abschneiden können.
 
 
Adrian Müller-Achenbach (SGG)

 

Sicherheitsstufe 1 beim 100. SGG-Forum

Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert zu Gast beim "SGG-Forum" am Stefan-George-Gymnasium.

 

Als Abiturient Daniel Baldy eine Mail an den Bundestagspräsidenten schrieb, um ihn zu fragen, ob er Interesse an einem Gespräch mit Schülern am SGG hätte, rechnete wohl niemand damit, dass eine Zusage käme - doch drei Tage später war sie schon da: 5. Februar 2013.

 

Von fünf Bodyguards bewacht diskutierten die MSS-Schüler der Jahrgangsstufe 13 und Sozialkundeleistungskurse der 11. und 12. Jahrgangsstufe mit dem 64-jährigen, gebürtigen Bochumer über Interessen der Politiker, das NPD-Verbotsverfahren und den Mali-Einsatz.

Norbert Lammert erklärte zu Beginn, dass er Schüler lieber persönlich begegne als nur über die Medien, da so eine vertiefte Debatte besser möglich sei. Mit einem Augenzwinkern erzählte er den Schülern, dass er zur Politik kam, weil seine zwei Leidenschaften - Fußball und Musik - nicht ausreichend für eine Berufung waren. Er selbst ist neben seinem hohen Amt im Bundestag auch noch neutrales Aufsichtsratsmitglied der RAG-Aktiengesellschaft und betonte, dass es nicht schlecht sei, wenn Politiker Interessen mitbringen, solange keine Abhängigkeiten erkennbar seien. ,,Es gibt keine neutrale Position, und wenn, ist sie nicht von Ahnungslosigkeit zu unterscheiden", antwortete Herr Dr. Lammert auf die Frage eines Schülers, ob Entscheidungen noch objektiv sind, wenn Politiker aus einem Beruf kommen.

Zur Steinbrück-Debatte um das Kanzlergehalt antwortete Lammert, dass die Politikergehälter in keinem Verhältnis zu denen in der Wirtschaft stünden, jedoch sei die Politik auch nicht zum Geld verdienen da. Für ihn ist die Debatte um Steinbrück albern, da die Journalisten ein fünftklassiges Thema für wichtig halten und er selbst nun auch den Fehler gemacht hat, zu antworten.

Zu einem NPD-Verbotsverfahren äußerte sich der Bundestagspräsident skeptisch. Er bezweifelt einen Erfolg und spricht sich für die Auseinandersetzung der Gesellschaft mit Rechtsextremen aus, um derartige Einstellungen politisch und nicht juristisch zu bekämpfen. Vielmehr besteht für ihn die Gefahr, dass Rechtsextreme sich gestärkt fühlen, wenn ein Verbotsverfahren abgelehnt werden würde. Zudem mahnte er, dass bei einem Verbot vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte geklagt werden könne und dieser Parteien in den meisten Fällen nicht verbietet, die rechtsextreme Ziele verfolgen.

Kontrovers diskutierten die Schüler mit dem Gast über eine deutsche Beteiligung am Mali-Einsatz. Dabei betonte Herr Dr. Lammert, dass es zu bequem sei, wenn Deutschland behaupten würde, dass uns der Einsatz nichts angehe. Dabei schließt er aber den Einsatz von deutschen Kampftruppen der Bundeswehr aus, da diese in solchen Gebieten der Welt keine Erfahrung hätten. Lammert antwortete auf die Frage eines Schülers, ob Frankreich "Neokolonialismus" betreibe, dass in der Politik immer Interessen eine Rolle spielen würden, er aber nicht ein Indiz für eine solche These sehe. Vielmehr hätten auch Terroristen ökonomische Interessen und man müsse verhindern, dass sich Terror perfektioniere. Zudem machte der Bundestagspräsident darauf aufmerksam, dass es für den Mali-Einsatz eine UNO-Legitimation gebe und Frankreich innerhalb von wenigen Stunden habe entscheiden müssen, ob Mali komplett in terroristische Hände fallen würde.

Zuletzt fragte die Schulleiterin, Renate Seipel, noch den Bundestagspräsidenten, was er von der Kulturhoheit der Länder und der deutschen Bildungslandschaft halte. Locker fragte er rhetorisch zurück, ob wir uns nun noch den gesamten Nachmittag damit verderben sollten. Insgesamt äußerte er sich recht positiv über das Bildungssystem, mahnte aber an, dass wir besser werden müssen, damit wir unseren hohen Lebensstandard halten können.

Daniel Baldy bedankte sich bei Nobert Lammert für die Erfüllung eines Traumes und fragte ihn abschließend, ob er nicht auch noch Bundespräsident werden wollte. Lammert erklärte, dass der Bundespräsident Inhaber des höchsten Staatsamtes sei und dies zugleich das Ausscheiden aus der Politik bedeute, was ihm seine politischen Gestaltungsmöglichkeiten nähme. Außerdem könne er sich dann nicht mehr frei äußern, weil er für alle sprechen müsste.

Frau Seipel, Herr Kühn und Herr Goldschmidt, der die Veranstaltung moderierte, bedankten sich bei Herrn Dr. Lammert für seine Zeit und das tolle Gespräch mit den Schülern und überreichten ihm ein originelles Buch über den ehemaligen SGG-Lehrer Jakob Schmitt und eine CD-Rom  der SGG- Schulband "Losin Grove". Der Gast trug sich in das Gästebuch der Schule ein und wurde von den Schülern mit herzlichem Applaus verabschiedet.

Man kann sagen: ,,Diesmal ist es total gelungen, wenn Politik auf Schule trifft!"

 

Florian Köhn (10b)

 

SGG-Forum mit Prof. Dr. N. Lammert

Fotos: Kevin Wann(12) und Marius Bast(10b)

 

Dankschreiben

 

Sehr geehrter Prof. Dr. Lammert,
 
es ist uns ein großes Bedürfnis, Ihnen auch noch einmal knapp vier Wochen
nach Ihrem so beeindruckenden Besuch am Stefan-George-Gymnasium ganz
herzlich für Ihr Kommen zu danken!
Das überaus gelungene 100. SGG-Forum mit seiner so starken Wirkung
liefert immer noch Gesprächsstoff und beigeisterte Reaktionen an unserer
Schule.
Die beigefügten Pressemeldungen, z.T. von Schülern verfasst, die an der
Veranstaltung teilnehmen konnten, werden Ihnen dies sicher ebenfalls
deutlich zeigen können.
Ihr glaubwürdiges Auftreten vor den SchülerInnen, Ihre kompetente und
überzeugende Art bei der Beanwtortung der gestellten Fragen und Ihre
besondere Persönlichkeit werden ganz sicher ihre nachhaltige Wirkung nicht verfehlen!
 
Die erfreuliche Veranstaltung mit Ihnen ermuntert und bestärkt uns
zusätzlich, auch in Zukunft unserern SchülerInnen die Möglichkeit so
wichtiger Begegnungen mit erfahrenen und kompetenten
Menschen aus Politik, Kultur und Pädagogik zu ermöglichen!
 
Wir verbleiben daher heute mit den besten Grüßen und Wünschen für
Sie persönlich und Ihr weiteres politisches Wirken,
dessen besondere Qualität Sie uns so eindrucksvoll vor Augen geführt haben!
 
 
Renate Seipel       Egon Goldschmidt                      Daniel Baldy
 
(Schulleiterin)     (für das SGG-Forum)                   (als Initiator und für die Schülerschaft des SGG)
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