Gedicht der Woche

(zusammengestellt von Herrn Goldschmidt)

 

Rainer Maria Rilke

Da schwang die Schaukel durch den Schmerz -, doch siehe,
der Schatten wars des Baums, an dem sie hängt.

Ob ich nun vorwärtsschwinge oder fliehe,
vom Schwunge in den Gegenschwung gedrängt,
das alles ist noch nicht einmal der Baum.
Mag ich nun steiler schwingen oder schräger,
ich fühle nur die Schaukel; meinen Träger
gewahr ich kaum.

So laß uns herrlich einen Baum vermuten,
der sich aus Riesenwurzeln aufwärtsstammt,
durch den unendlich Wind und Vögel fluten
und unter dem, in reinem Hirtenamt,
die Hirten sannen und die Herden ruhten.
Und daß durch ihn die starken Sterne blitzen,
macht ihn zur Maske einer ganzen Nacht.
Wer reicht aus ihm bis zu den Göttersitzen,
da uns sein Wesen schon nachdenklich macht?

Aus: Die Gedichte 1922 bis 1926 (Muzot, 28.8. 1924)

 

Unsere Zukunft
 
Wir sind Kinder,
Kinder mit Ängsten,
die halten am längsten,
weil wir nicht wissen,
was wir vermissen ,
der nächste Tag bringt,
wann die Angst verklingt.
 
Wir sind Kinder auf dem Weg ins Leben,
alles wahr werden zu lassen ,
eigene Entscheidungen zu fassen ,
die eigene Zukunft in die Hand zu nehmen,
aufzuhören vor Angst zu beben,
das Kindliche zu verlassen,
jedoch nie zu vergessen.
 
Doch was erwartet und dort?
Weg von allem Alten fort?
Ein Leben ganz allein...
Eins im trüben Schein,
Eins, wo nur Geld und Macht zählt ,
wo man sich die Freunde nicht mehr selber wählt.
 
Aber wir dürfen die Hoffnung nicht verlieren,
wenn wir wollen, können wir alles selber lenken,
noch allein unser Herz verschenken,
wenn wir nur daran glauben,
unsre eigenen Treffer zu versenken.
 
UNSER LEBEN, UNSERE ZUKUNFT.
DENN WIR SIND NOCH KINDER DIESER WELT!
 
Caroline KNAPPIK (Klasse 9 )
 
 
Es kann die Ehre dieser Welt
 
Es kann die Ehre dieser Welt
Dir keine Ehre geben,
Was dich in Wahrheit hebt und hält,
Muß in dir selber leben.
 
Wenn's deinem Innersten gebricht
An echten Stolzes Stütze,
Ob dann die Welt dir Beifall spricht,
Ist all dir wenig nütze.
 
Das flücht'ge Lob, des Tages Ruhm
Magst du dem Eitlen gönnen;
Das aber sei dein Heiligtum:
Vor dir bestehen können.
 
Theodor Fontane
 
 
An meinen Lehrer
 
Ich war nicht einer deiner guten Jungen.
An meinem Jugendtrotz ist mancher Rat
Und manches wohlgedachte Wort zersprungen.
Nun sieht der Mann, was einst der Knabe tat.
 
Doch hast du, alter Meister, nicht vergebens
An meinem Bau geformt und dich gemüht.
Du hast die besten Werte meines Lebens
Mit heißen Worten mir ins Herz geglüht.
 
Verzeih, wenn ich das Alte nicht bereue.
Ich will mich heut wie einst vor dir nicht bücken.
Doch möcht ich dir für deine Lehrertreue
nur einmal dankbar, stumm die Hände drücken.
 
Joachim Ringelnatz
(zum Tag des Lehrer, 05.10.)
 
 
Wer Schmetterlinge lachen hört,
der weiß, wie Wolken schmecken.
Der wird im Mondschein, ungestört
von Furcht, die Nacht entdecken.
 
Der wird zur Pflanze, wenn er will,
zum Stier, zum Narr, zum Weisen.
Und kann in einer Stunde
durchs ganze Weltall reisen.
 
Der weiß, dass er nichts weiß,
wie alle anderen auch nichts wissen.
Nur weiß er, was die andern
und auch er selbst noch lernen müssen.
 
Wer in sich fremde Ufer spürt,
und Mut hat sich zu recken,
der wird allmählich ungestört,
von Furcht sich selbst entdecken.
 
Abwärts zu den Gipfeln
seiner selbst blickt er hinauf,
den Kampf mit seiner Unterwelt,
nimmt er gelassen auf.
 
Wer Schmetterlinge lachen hört,
der weiß, wie Wolken schmecken.
Der wird im Mondschein, ungestört
von Furcht, die Nacht entdecken.
 
Wer mit sich selbst in Frieden lebt,
der wird genauso sterben
und ist selbst dann lebendiger
als alle seine Erben.
 
Novalis
 
 
 
Es gibt nur eine Religion,
die Religion der Liebe.
Eine Sprache,
die Sprache des Herzens.
Es gibt nur eine Rasse,
die menschliche Rasse.
Es gibt nur einen Gott,
allgegenwärtig.
Gott ist Liebe.
Lebe in Liebe.
 
Mevlana Rumi (1207-1273)

 

 

Pfingsten

Du Maienfest voll Blüthen
Voll Liedessang und Klang,
In Wald und Wipfeln regt sich
Ein festlich froher Drang!

Die Kinder, die sich freuen,
Die jauchzen wohlgemuth;
Sie tragen grüne Maien
Und Bänder auf dem Hut.

Die Kirchen sind geschmücket,
Voll heil'gen Geistes Wehn,
Und die Menschen 
sind entzücket;
Das Wetter ist so schön.

Ich bin zum Wald gegangen,
Wo Hain und Quelle rauscht,
Und habe dem zarten Girren
Einer Himmelstaube gelauscht.

Sie ließ auf mich sich nieder,
Mir kam, ich weiß nicht, wie?
Der heil'ge Geist der Lieder,
Die fromme Poesie.

Ludwig Bechstein

 
 
Hätt ich des Himmels reichbestickte Tücher,
bestickt aus Golden- und aus Silberlicht,
die dunklen, die blauen und die hellen Tücher,
aus Nacht, aus Tag und aus der Dämmerung,
legt ich die Tücher dir zu Füßen.
Doch ich bin arm und habe nichts als Träume,
so leg ich meine Träume dir zu Füßen.
Tritt leise, denn du trittst auf meine Träume.

William Butler Yeats (1865 - 1939),
irischer Dramatiker, Lyriker, Essayist und Autobiograph,
erhielt 1923 den Nobelpreis für Literatur
 
 
 
Miteinander reden und lachen, 
sich gegenseitig Gefälligkeiten erweisen, 
zusammen schöne Bücher lesen, 
sich necken, dabei aber auch einander Achtung erweisen, 
mitunter sich auch streiten – ohne Hass, wie man es 
auch mit sich tut, 
manchmal auch in den Meinungen auseinandergehen
und damit die Eintracht würzen, 
einander belehren und voneinander lernen, 
die Abwesenden schmerzlich vermissen 
und die Ankommenden freudig 
begrüßen – lauter Zeichen der Liebe und Gegenliebe, 
die aus dem Herzen kommen, 
sich äußern in Miene, Wort und tausend freundlichen Gesten 
und wie Zündstoff den Geist in Gemeinsamkeit entflammen, 
sodass aus Vielheit Einheit wird.
 
Augustinus (Bischof von Hippo)
 
 
 

Zum Tag der Sonne, 3. Mai 2014

Neue Sonne

Neue Sonne, Gefühl des Ermattens
vermischt mit hingebendem Freuen;
aber noch mehr fast ergreift mich die Unschuld des neuen
Schattens.

Schatten des frühesten Laubes, das du durchhellst,
Schatten der Blüten-: wie klar!
Wie du dich, wahres, nirgends verstellst,
offenes Jahr.

Unser Dunkel sogar wird davon zarter,
genau so rein war vielleicht sein Ursprung,
Und einmal war das alte Schwarz aller Marter
so jung.

 

Rainer Maria Rilke

 

 

Schulpflicht

Eigentlich sollte die Schule
aus Schülern gute Menschen machen.
Stattdessen macht sie meistens nur
aus Menschen schlechte Schüler.

Gernot Blume, 29.9.11

 

 

Sonntagmorgen...

Die Straßen gähnen müde und verschlafen.
Wie ein Museum stumm ruht die Fabrik.
Ein Schupo träumt von einem Paragrafen,
und irgendwo macht irgendwer Musik.

Die Stadtbahn fährt, als tät sie’s zum Vergnügen, und man fliegt aus, durch Wanderkluft verschönt.
Man tut, als müsste man den Zug noch kriegen.
Heut muss man nicht. – Doch man ist’s so gewöhnt.

Die Fenster der Geschäfte sind verriegelt und schlafen sich wie Menschenaugen aus. – Die Sonntagskleider riechen frisch gebügelt.
Ein Duft von Rosenkohl durchzieht das Haus.

Man liest die wohlbeleibte Morgenzeitung und was der Ausverkauf ab morgen bringt.
Die Uhr tickt leis. – Es rauscht die Wasserleitung, wozu ein Mädchen schrill von Liebe singt.

Auf dem Balkon sitzt man, von Licht umflossen.
Ein Grammofon kräht einen Tango fern...
Man holt sich seine ersten Sommersprossen und fühlt sich wohl. – Das ist der Tag des Herrn!

Mascha Kaléko

 

 

Frühling

 
Nun ist er endlich kommen doch
In grünem Knospenschuh;
»Er kam, er kam ja immer noch«,
Die Bäume nicken sich's zu.
 
Sie konnten ihn all erwarten kaum,
Nun treiben sie Schuss auf Schuss;
Im Garten der alte Apfelbaum,
Er sträubt sich, aber er muss.
 
Wohl zögert auch das alte Herz
Und atmet noch nicht frei,
Es bangt und sorgt: »Es ist erst März,
Und März ist noch nicht Mai.«
 
O schüttle ab den schweren Traum
Und die lange Winterruh':
Es wagt es der alte Apfelbaum,
Herze, wag's auch du.
 
Theodor Fontane
(1851)

 

 

Ich will aus allem nehmen, was mich nährt,
was übereinstimmt mit mir längst Vertrautem;
so wird mir manches stille Glück gewährt.

In Eurer Weisheit fand ich manch geheime 
Bestätigung zu von mir selbst Geschautem
und brachte sie zu meiner Art in Reime.

Es gibt so vieles Schöne, Gute, Wahre;
wie bin ich dankbar, dass ich Mensch sein darf
und immer Neues solcher Art erfahre!

Erfahre denn noch dies dazu: entfernt
bist du vom Ernst noch. Dein Gewissen warf
dir noch nicht vor, daß Weisheit sich nur – lernt.

Mit solchem Blumenpflücken, Kränzchenwinden –
was ist getan? sieh dir ins Angesicht
und prüfe, ach, solch allzu lau Empfinden.

Du fühlst der Weisheit Weg noch nicht als – Pflicht.
Und so: ob von Glühwürmchen oder Sternen
dir Licht zufließt – dir ist's das gleiche Licht.

Dir sind die echten Tiefen, wahre Fernen
noch stumm; sie, deren Siegel einzig bricht:
ein tief demütig lebenlanges – Lernen.

Christian Morgenstern

(1871 - 1914), deutscher Schriftsteller, Dramaturg, Journalist und Übersetzer

Quelle: www.aphorismen.de

 

 

"Wir sind des Fingerzeigens,
der plumpen Worte satt.
Wir wolln den Klang des Schweigens,
das uns geschaffen hat.

Gewalt und Gier und Wille
der Lärmenden zerschellt.
O komm, Gewalt der Stille,
und wandle du die Welt."
 
Werner Bergengruen

 

 

Karneval

Auch uns, in Ehren sei's gesagt,
Hat einst der Karneval behagt,
Besonders und zu allermeist
In einer Stadt, die München heißt.

Wie reizend fand man dazumal
Ein menschenwarmes Festlokal,
Wie fleißig wurde über Nacht
Das Glas gefüllt und leer gemacht,

Und gingen wir im Schnee nach Haus,
War grad die frühe Messe aus,
Dann können gleich die frömmsten Frau'n
Sich negativ an uns erbau'n.

Die Zeit verging, das Alter kam,
Wir wurden sittsam, wurden zahm.
Nun sehn wir zwar noch ziemlich gern
Die Sach' uns an, doch nur von fern
(Ein Auge zu, Mundwinkel schief)
Durchs umgekehrte Perspektiv.

Wilhelm Busch (1832 - 1908), deutscher Zeichner, Maler und Schriftsteller

 

 

Pflicht ohne Liebe macht verdrießlich.
Wahrheit ohne Liebe macht kritiksüchtig.
Erziehung ohne Liebe macht widerspruchsvoll.

Klugheit ohne Liebe macht gerissen.
Verantwortung ohne Liebe macht rücksichtslos.
Gerechtigkeit ohne Liebe macht hart.

Freundlichkeit ohne Liebe macht heuchlerisch.
Ordnung ohne Liebe macht kleinlich.

Sachkenntnis ohne Liebe macht rechthaberisch.
Macht ohne Liebe macht gewalttätig.

Besitz ohne Liebe macht geizig.
Ehre ohne Liebe macht hochmütig.
Glaube ohne Liebe macht fanatisch.

Wehe denen, die in der Liebe geizen!
Sie tragen Schuld daran, wenn schließlich die Welt
an Selbstvergiftung zugrunde geht.

(Laotse)

 

 

Beherzigung

Ach, was soll der Mensch verlangen?
Ist es besser, ruhig bleiben,
Klammernd fest sich anzuhangen?
Ist es besser, sich zu treiben?

Soll er sich ein Häuschen bauen?
Soll er unter Zelten leben?
Soll er auf die Felsen trauen?
Selbst die festen Felsen beben.

Eines schickt sich nicht für alle!
Sehe jeder, wie er's treibe,
Sehe jeder, wo er bleibe,
Und wer steht, daß er nicht falle!

Johann Wolfgang von Goethe
 

 

DIE EWIGKEIT

Die Ewigkeit,
dort wo sich die Sonne mit dem Meer vereint ...

L'ÉTERNITÉ

Elle est retrouvée.
Quoi ? - L'Éternité.
C'est la mer allée
Avec le soleil.

Âme sentinelle
Murmurons l'aveu
De la nuit si nulle
Et du jour en feu.

Des humains suffrages,
Des communs élans
Là tu te dégages
Et voles selon.

Puisque de vous seules,
Braises de satin,
Le Devoir s'exhale
Sans qu'on dise : enfin.

Là pas d'espérance,
Nul orietur.
Science avec patience,
Le supplice est sûr.

Elle est retrouvée.
Quoi ? - L'Éternité.
C'est la mer allée
Avec le soleil.

Arthur Rimbaud

 
 
 
Über die Geduld

Man muss den Dingen
die eigene, stille
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann,
alles ist austragen – und
dann gebären…

Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer
kommen könnte.

Er kommt doch!

Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind, als ob die Ewigkeit
vor ihnen läge,
so sorglos, still und weit…

Man muss Geduld haben

Mit dem Ungelösten im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein.

 
Rainer Maria Rilke
 

 

 
Wir wollen glauben
 
Wir wollen glauben
an ein langes Jahr,
das uns gegeben ist,
neu, unberührt,
voll nie gewesener Dinge,
voll nie getaner Arbeit,
voll Aufgabe, Anspruch,
Zumutung.
 
Wir wollen sehen,
daß wir´s nehmen lernen,
ohne all zu
viel fallen zu lassen, von dem,
was es zu vergeben hat,
an die, die Notwendiges,
Ernstes und Großes
von ihm verlangen.
 
Rainer M. Rilke
 
 

Du mußt das Leben nicht verstehen ...

Du mußt das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und laß dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken läßt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

Rainer Maria Rilke

 

Advent

Es treibt der Wind im Winterwalde
Die Flockenherde wie ein Hirt,
Und manche Tanne ahnt, wie balde
Sie fromm und lichterheilig wird.
Und lauscht hinaus. Den weißen Wegen
Streckt sie die Zweige hin bereit
Und wehrt dem Wind und wächst entgegen
Der einen Nacht der Herrlichkeit.

Rainer Maria Rilke

 

 

Gestutzte Eiche

Wie haben sie dich, Baum, verschnitten
Wie stehst du fremd und sonderbar!
Wie hast du hundertmal gelitten,
Bis nichts in dir als Trotz und Wille war!
Ich bin wie du, mit dem verschnittnen,
Gequälten Leben brach ich nicht
Und tauche täglich aus durchlittnen
Roheiten neu die Stirn ins Licht.
Was in mir weich und zart gewesen,
Hat mir die Welt zu Tod gehöhnt,
Doch unzerstörbar ist mein Wesen,
Ich bin zufrieden, bin versöhnt,
Geduldig neue Blätter treib ich
Aus Ästen hundertmal zerspellt,
Und allem Weh zu Trotze bleib ich
Verliebt in die verrückte Welt.

Hermann Hesse, Juli 1919

 

 

Du darfst nicht warten...

Du darfst nicht warten, bis Gott zu dir geht und sagt: Ich bin.
Ein Gott, der seine Stärke eingesteht,
hat keinen Sinn.
Da musst du wissen, dass dich Gott durchweht seit Anbeginn, und wenn dein Herz dir glüht und nichts verrät, dann schafft er drin.

Rainer Maria Rilke

 
 
 

Lob des Lernens

Lerne das Einfachste! Für die,
Deren Zeit gekommen ist,
Ist es nie zu spät!
Lerne das Abc, es genügt nicht, aber
Lerne es! Laß dich nicht verdrießen!
Fang an! Du mußt alles wissen!
Du mußt die Führung übernehmen.

Lerne, Mann im Asyl!
Lerne, Mann im Gefängnis!
Lerne, Frau in der Küche!
Lerne, Sechzigjährige!
Du mußt die Führung übernehmen.
Suche die Schule auf, Obdachloser!
Verschaffe dir Wissen, Frierender!
Hungriger, greif nach dem Buch: es ist eine Waffe.
Du mußt die Führung übernehmen.

Scheue dich nicht zu fragen, Genosse!
Laß dir nichts einreden,
Sieh selber nach!
Was du nicht selber weißt,
Weißt du nicht.
Prüfe die Rechnung
Du mußt sie bezahlen.
Lege den Finger auf jeden Posten,
Frage, wie kommt er hierher?
Du mußt die Führung übernehmen.

Bertolt Brecht

 
 
 

Blumen

In märzentagen streuten wir die samen
Wann unser herz noch einmal heftig litt
An wehen die vom toten jahre kamen
Am lezten kampf den eis und sonne stritt.

An schlanken stäbchen wollten wir sie ziehen
Wir suchten ihnen reinen wasserquell
Wir wussten dass sie unterm licht gediehen
Und unter blicken liebevoll und hell.

Mit frohem fleisse wurden sie begossen
Wir schauten zu den wolken forschend bang
Zusammen auf und harrten unverdrossen
Ob sich ein blatt entrollt ein trieb entsprang.

Wir haben in dem garten sie gepflückt
Und an den nachbarlichen weingeländen
Wir wandelten vom glanz der nacht entzückt
Und trugen sie in unsren kinderhänden.

Stefan George

 

 
Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
 
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.
 
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
 
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.
 
Rilke, Rainer Maria (1875-1926)
 
 
 
Sonntagmorgen...
 
Die Straßen gähnen müde und verschlafen.
Wie ein Museum stumm ruht die Fabrik.
Ein Schupo träumt von einem Paragrafen,
und irgendwo macht irgendwer Musik.

Die Stadtbahn fährt, als tät sie’s zum Vergnügen,
und man fliegt aus, durch Wanderkluft verschönt.
Man tut, als müsste man den Zug noch kriegen.
Heut muss man nicht. – Doch man ist’s so gewöhnt.

Die Fenster der Geschäfte sind verriegelt
und schlafen sich wie Menschenaugen aus. –
Die Sonntagskleider riechen frisch gebügelt.
Ein Duft von Rosenkohl durchzieht das Haus.

Man liest die wohlbeleibte Morgenzeitung
und was der Ausverkauf ab morgen bringt.
Die Uhr tickt leis. – Es rauscht die Wasserleitung,
wozu ein Mädchen schrill von Liebe singt.

Auf dem Balkon sitzt man, von Licht umflossen.
Ein Grammofon kräht einen Tango fern...
Man holt sich seine ersten Sommersprossen
und fühlt sich wohl. – Das ist der Tag des Herrn!

Mascha Kaléko
 
 
 
's ist Krieg! 's ist Krieg! O Gottes Engel wehre, Und rede du darein!
's ist leider Krieg - und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!
 
2. Was sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen Und blutig, bleich und blaß, Die Geister der Erschlagnen zu mir kämen, Und vor mir weinten, was?
 
3. Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten, Verstümmelt und halb tot Im Staub sich vor mir wälzten, und mir fluchten In ihrer Todesnot?
4. Wenn tausend tausend Väter, Mütter, Bräute, So glücklich vor dem Krieg, Nun alle elend, alle arme Leute, Wehklagten uber mich?
 
5. Wenn Hunger, böse Seuch' und ihre Nöten Freund, Freund und Feind ins Grab Versammleten, und mir zu Ehren krähten Von einer Leich herab?
 
6. Was hülf mir Kron' und Land und Gold und Ehre?
Die könnten mich nicht freun!
's ist leider Krieg - und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!
 
Matthias Claudius, 1778
 
 
 

Der Morgen

Fliegt der erste Morgenstrahl

Durch das stille Nebeltal,

Rauscht erwachend Wald und Hügel:

Wer da fliegen kann, nimmt Flügel!

 

Und sein Hütlein in die Luft

Wirft der Mensch vor Lust und ruft:

Hat Gesang doch auch noch Schwingen,

Nun, so will ich fröhlich singen!

 

Hinaus, o Mensch, weit in die Welt,

Bangt dir das Herz in krankem Mut;

Nichts ist so trüb in Nacht gestellt,

Der Morgen leicht macht's wieder gut.

 

Joseph von Eichendorff

 

 

Auch das ist Kunst, ist Gottes Gabe,
aus ein paar sonnenhellen Tagen
sich soviel Licht ins Herz zu tragen,
daß, wenn der Sommer längst verweht,
das Leuchten immer noch besteht.

Johann Wolfgang von Goethe
(1749 - 1832), deutscher Dichter der Klassik,

Naturwissenschaftler und Staatsmann

 

Meeresstille und glückliche Fahrt

Meeresstille
Tiefe stille herrscht im Wasser,
Ohne Regung ruht das Meer,
Und bekümmert sich der Schiffer
Glatte Fläche rings umher.
Keine Luft von keiner Seite!
Todesstille fürchterlich!
In der ungeheuren Weite
Reget keine Welle sich.

Glückliche Fahrt
Die Nebel zerreißen,
Der Himmel ist helle,
Und Äolus löset
Das ängstliche Band.
Es säuseln die Winde,
Es rührt sich der Schiffer.
Geschwinde! Geschwinde!
Es teilt sich die Welle,
Es naht sich die Ferne;
Schon seh' ich das Land!

von Johann Wolfgang von Goethe

 

 

Werkleute sind wir
 
Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister,
und bauen dich, du hohes Mittelschiff.
Und manchmal kommt ein ernster Hergereister,
geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister
und zeigt uns zitternd einen neuen Griff.
 
Wir steigen in die wiegenden Gerüste,
 
in unsern Händen hängt der Hammer schwer,
bis eine Stunde uns die Stirnen küsste,
die strahlend und als ob sie Alles wüsste
von dir kommt, wie der Wind vom Meer.
 
Dann ist ein Hallen von dem vielen Hämmern
und durch die Berge geht es Stoß um Stoß.
Erst wenn es dunkelt lassen wir dich los:
Und deine kommenden Konturen dämmern.
 
Gott, du bist groß.
 
Rainer Maria Rilke, 26.9.1899, Berlin-Schmargendorf

 

 

Butterblumengelbe Wiesen
    
Butterblumengelbe Wiesen,
sauerampferrot getönt,  -
o du überreiches Sprießen,
wie das Aug dich nie gewöhnt!
    
Wohlgesangdurchschwellte Baüme,
wunderblütenschneebereift  -
ja, fürwahr,  ihr zeigt uns Träume,
wie die Brust sie kaum begreift.
 
Christian Morgenstern  
 
Das Leben
 
Manch' einer denkt,
es sei grausam.
Ein anderer denkt,
es sei schön.
 
Manch einer meint,
es vergeht zu langsam.
Ein anderer meint,
es vergeht zu schnell.
 
Nun, das Leben hat
Hoch- und Tiefpunkte.
Doch es stellt sich die Frage:
Wie findest du das Leben?

Gazi Kaya (10b)

 

Frueh im Wagen

Es graut vom Morgenreif
In Daemmerung das Feld,
Da schon ein blasser Streif
Den fernen Ost erhellt;

Man sieht im Lichte bald
Den Morgenstern vergehn,
Und doch am Fichtenwald
Den vollen Mond noch stehn:

So ist mein scheuer Blick,
Den schon die Ferne draengt,
Noch in das Schmerzensglueck
Der Abschiedsnacht versenkt.

Dein blaues Auge steht
Ein dunkler See vor mir,
Dein Kuss, dein Hauch umweht,
Dein Fluestern mich noch hier.

An deinem Hals begraebt
Sich weinend mein Gesicht,
Und Purpurschwaerze webt
Mir vor dem Auge dicht.

Die Sonne kommt; - sie scheucht
Den Traum hinweg im Nu,
Und von den Bergen streicht
Ein Schauer auf mich zu.

Eduard Mörike

 

 

Der Morgen
 
Fliegt der erste Morgenstrahl
Durch das stille Nebeltal,
Rauscht erwachend Wald und Hügel:
Wer da fliegen kann, nimmt Flügel!
 
Und sein Hütlein in die Luft
Wirft der Mensch vor Lust und ruft:
Hat Gesang doch auch noch Schwingen,
Nun, so will ich fröhlich singen!
 
Hinaus, o Mensch, weit in die Welt,
Bangt dir das Herz in krankem Mut;
Nichts ist so trüb in Nacht gestellt,
Der Morgen leicht macht's wieder gut.
 
Josef Freiherr von Eichendorff

 

Juni-Nachmittag
 
Der Juniregen rauscht im Blätterwald.
Vom stillen Flusse an der Insel steigt
Des Wassers warmer Rauch auf. Ringsum schweigt
Der Vögel Stimme. Nur der Kuckuck ruft
 
Durch graue Dämmrung. Von des Waldes Boden
Erhebt der Duft sich von der toten Jahre
Versunknen Blättern, mischt sich dem Geruch
Der Felder, drauf die jungen Saaten blühn
Und des Holunders, der in Blüte steht
Am Waldesrand. Von ferne her erklingt
Des Kirchturms Läuten zu dem Vesperdienst.
Sonst hörst du keinen Laut, als nur des Regens
Eintönges Rauschen in dem Blätterwald.
 
Georg Heym

 

 

Anschluss

der Hürdenläufer still und starr,
steht dort am Start konzentriert,
er trägt eine Geschichte mit sich,
beide Beine amputiert.

Die Kugel gibt das Zeichen – Start,
alle sind hochmotiviert,
die Läufer laufen augenblicklich,
sehr aufs Siegen fokussiert.

Hürden werden überwunden,
Hürden werden übersprungen,
alle meistern meisterlich,
was ander'n längst schon ist gelungen.

In der Hälfte dann der Schock,
der Sturz des einen Kunststoffläufers,
langsam wieder aufgerichtet,
abgestempelt als der Neue,

der, der nicht so ist wie ich - junge Fäuste geballt,
einen Moment später und der Beifall hallt,
denn ein Läufer hilft ihm,
gibt ihm neue Kraft,

den Sieger interessiert keinen,
denn was er hat geschafft,
zeugt von großer Kameradschaft,
und verdient Respekt.
Der Helfer war der Erste,
ein vergangener Aspekt.

Beide überqueren gemeinsam,
die Ziellinie stolz und schweigsam,
ernten 1000x Applaus,
Der Sieger steht fest, das Rennen ist aus.

Der Gewinner bekommt das Preisgeld,
die Verlierer werden geachtet,
Wer ist hier nun ein Held?
Wer wird wie betrachtet?

Jonas Rink (SGG, Klasse 10b)

 

 

lyrisches Ich

Diese eine. Gibt es sie, eigentlich?
Ist es gar möglich diese eine zu
Finden?

Diese eine. Ist sie denn, Wirklichkeit?
Schon ewig suche ich diese eine
Vergebens.

Diese Suche. Hat sie bald, ein Ende?
Oder hat diese Suche ein echtes
Ziel?

Diese Suche. Bringt sie mich, denn weiter?
Ich stoppe diese Suche. Ich bin nun
Frei.

Autor: SGG-Schüler

 

Pfingstbestellung

Ein Pfingstgedichtchen will heraus
Ins Freie, ins Kühne.
So treibt es mich aus meinem Haus
Ins Neue, ins Grüne.

Wenn sich der Himmel grau bezieht,
Mich stört`s nicht im geringsten.
Wer meine weiße Hose sieht,
Der merkt doch: Es ist Pfingsten.

Nun hab ich ein Gedicht gedrückt,
Wie Hühner Eier legen,
Und gehe festlich und geschmückt —
Pfingstochse meinetwegen —
Dem Honorar entgegen.

Autor: Joachim Ringelnatz (1883-1934)

 

Abschied

Wie hab ich das gefühlt was Abschied heißt.
Wie weiß ichs noch: ein dunkles unverwundnes
grausames Etwas, das ein Schönverbundnes
noch einmal zeigt und hinhält und zerreißt.

Wie war ich ohne Wehr, dem zuzuschauen,
das, da es mich, mich rufend, gehen ließ,
zurückblieb, so als wärens alle Frauen
und dennoch klein und weiß und nichts als dies:

Ein Winken, schon nicht mehr auf mich bezogen,
ein leise Weiterwinkendes - , schon kaum
erklärbar mehr: vielleicht ein Pflaumenbaum,
von dem ein Kuckuck hastig abgeflogen.

Rainer Maria Rilke

 

Gewissen

Der Zweck deines Lebens ist nicht,
zu tun, was die Mehrheit tut,
sondern dem inneren Gesetz entsprechend zu leben,
das du in dir selbst erkennst.
Handle nicht deinem Gewissen oder
der Wahrheit zuwider.

Wenn du so lebst,
erfüllst du deine Lebensaufgabe.

Mark Aurel

 

    Mailied

    Wie herrlich leuchtet
    Mir die Natur!
    Wie glänzt die Sonne!
    Wie lacht die Flur!

    Es dringen Blüten
    Aus jedem Zweig
    Und tausend Stimmen
    Aus dem Gesträuch

    Und Freud' und Wonne
    Aus jeder Brust.
    O Erd', o Sonne!
    O Glück, o Lust!

    O Lieb', o Liebe!
    So golden schön,
    Wie Morgenwolken
    Auf jenen Höhn!

    Du segnest herrlich
    Das frische Feld,
    Im Blütendampfe
    Die volle Welt.

    O Mädchen, Mädchen,
    Wie lieb' ich dich!
    Wie blickt dein Auge!
    Wie liebst du mich!

    So liebt die Lerche
    Gesang und Luft,
    Und Morgenblumen
    Den Himmelsduft,

    Wie ich dich liebe
    Mit warmem Blut,
    Die du mir Jugend
    Und Freud' und Mut

    Zu neuen Liedern
    Und Tänzen gibst.
    Sei ewig glücklich,
    Wie du mich liebst!

Johann Wolfgang von Goethe
(05.05.2013)

 

 

Heinrich Heine

Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Knospen sprangen,
Da ist in meinem Herzen
Die Liebe aufgegangen.

Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Vögel sangen,
Da hab ich ihr gestanden
Mein Sehnen und Verlangen.

(03.05.2013)

 

Adelbert von Chamisso
Frühling
 
Der Frühling ist kommen,  die Erde erwacht,  
Es blühen der Blumen genug. 
Ich habe schon wieder auf Lieder gedacht,  
Ich fühle so frisch mich,  so jung.
 
Die Sonne bescheinet die blumige Au' ,  
Der Wind beweget das Laub. 
Wie sind mir geworden die Locken so grau? 
Das ist doch ein garstiger Staub.
 
Es bauen die Nester und singen sich ein 
Die zierlichen Vögel so gut. 
Und ist es kein Staub nicht,  was sollt'  es denn sein? 
Mir ist wie den Vögeln zu Mut.
 
Der Frühling ist kommen,  die Erde erwacht,  
Es blühen der Blumen genug. 
Ich habe schon wieder auf Lieder gedacht,  
Ich fühle so frisch mich,  so jung.
 
(28.04.2013)

 

Frühling übers Jahr
 
Das Beet, schon lockert
Sich's in die Höh',
Da wanken Glöckchen
So weiß wie Schnee;
Safran entfaltet
Gewalt'ge Glut,
Smaragden keimt es
Und keimt wie Blut.
Primeln stolzieren
So naseweis,
Schalkhafte Veilchen,
Versteckt mit Fleiß;
Was auch noch alles
Da regt und webt,
Genug, der Frühling,
Er wirkt und lebt.
 
Doch was im Garten
Am reichsten blüht,
Das ist des Liebchens
Lieblich Gemüt.
Da glühen Blicke
Mir immerfort,
Erregend Liedchen,
Erheiternd Wort;
Ein immer offen,
Ein Blütenherz,
Im Ernste freundlich
Und rein im Scherz.
Wenn Ros' und Lilie
Der Sommer bringt,
Er doch vergebens
Mit Liebchen ringt.
 
Johann Wolfgang von Goethe
(15.3.1816)
 
 
Aus einem April 
 
Wieder duftet der Wald. 
Es heben die schwebenden Lerchen 
mit sich den Himmel empor, der unseren Schultern schwer war; 
zwar sah man noch durch die Äste den Tag, wie er leer war, - 
aber nach langen, regnenden Nachmittagen 
kommen die goldübersonnten 
neueren Stunden, 
vor denen flüchtend an fernen Häuserfronten 
alle die wunden 
Fenster furchtsam mit Flügeln schlagen.
 
Dann wird es still. Sogar der Regen geht leiser 
über der Steine ruhig dunkelnden Glanz. 
Alle Geräusche ducken sich ganz 
in die glänzenden Knospen der Reiser. 
 
(eingestellt am 14. April 13)
 

 


Will dir den Frühling zeigen,
der hundert Wunder hat.
Der Frühling ist waldeigen
und kommt nicht in die Stadt.

Nur die weit aus den kalten
Gassen zu zweien gehn
und sich bei den Händen halten -
dürfen ihn einmal sehn.

 

Rainer Maria Rilke

(eingestellt am 9.4.2013)

 

Das Lied vom Schmetterlinge

Liebes, leichtes, luft'ges Ding,
Schmetterling,
Das da über Blumen schwebet,
Nur von Thau und Blüthen lebet,
Blüthe selbst, ein fliegend Blatt,
Das, mit welchem Rosenfinger!
Wer bepurpurt hat?
War's ein Sylphe, der Dein Kleid
So bestreut,
Dich aus Morgenduft gewebet,
Nur auf Tage Dich belebet?
Seelchen, und Dein kleines Herz
Pocht da unter meinem Finger,
Fühlet Todesschmerz.
Fleuch dahin, o Seelchen, sei
Froh und frei,
Mir ein Bild, was ich sein werde,
Wenn die Raupe dieser Erde
Auch wie Du ein Zephyr ist
Und in Duft und Thau und Honig
Jede Blüthe küßt!

 

Johann Gottfried Herder

(eingestellt am 4.4.2013)

März

Es ist ein Schnee gefallen,
Denn es ist noch nicht Zeit,
Dass von den Blümlein allen,
Dass von den Blümlein allen
Wir werden hoch erfreut.

 

Der Sonnenblick betrüget
Mit mildem, falschem Schein,
Die Schwalbe selber lüget,
Die Schwalbe selber lüget,
Warum? Sie kommt allein.

 

Sollt ich mich einzeln freuen,
Wenn auch der Frühling nah?
Doch kommen wir zu zweien,
Doch kommen wir zu zweien,
Gleich ist der Sommer da.

 

Johann Wolfgang von Goethe
(1817, eingestellt 25.03.2013)
 
 
Es wird Frühling

Die Vögel kommen
in ganzen Schwärmen,
um dich zu erfreuen.
Das junge Grün sprießt
und der Wald wächst schön
und steht wie eine Braut da,
um dir Freude zu schenken.

Du bist geschaffen.
Du bist da.
Du bekommst »heute«
das zum Dasein Nötige.
Du wurdest erschaffen.
Du wurdest Mensch.

Du kannst sehen,
bedenke: Du kannst sehen,
du kannst hören, du kannst
riechen, schmecken, fühlen.

Sören Kierkegaard
 
(22.03.2013)
 
 
Der Vatikan
 
 
So oft ich wiederkehre
 
Von Rafaels hohen Werken,
 
Fühl' ich mich reicher, kräftiger,
 
Der Muth des Herzens wächst,
 
Und mein ist diese Herrlichkeit.
 
Bin ich entfernt,
 
Brennt in mir wieder die Sehnsucht auf,
 
Die Himmelsschrift der Säle zu lesen,
 
Und näher, verwandter,
 
Wächst in meiner Seele
 
Die Schönheit frisch grünend üppig mir.
 
Wie so anders,
 
Als der Kranke zum erstenmal,
 
Mit Thränen der Wehmuth,
 
Ohnmächtigen Gefühls
 
Von dort hernieder stieg.
 
Seid mir gegrüßt, ihr Genien,
 
Die ihr so huldreichen Sinnes
 
Freundlich den Schwachen
 
Wieder aufnehmt in euern heitern Kreis.
 
Wie viel Schmerz und Lust
 
Dank ich nicht euch, Himmelsgeschwister,
 
Kunst und Poesie!
 
Ludwig Tieck

(02.03.2013)

 

Johann Gottfried Herder

An die Bäume im Winter

Gute Bäume, die ihr die starr entblätterten Arme
Reckt zum Himmel und fleht wieder den Frühling herab!
Ach, ihr müsst noch harren, ihr armen Söhne der Erde,
Manche stürmische Nacht, manchen erstarrenden Tag!
Aber dann kommt wieder die Sonne mit dem grünenden Frühling
Euch; nur kehret auch mir Frühling und Sonne zurück?
Harr geduldig, Herz, und bringt in die Wurzel den Saft dir!
Unvermutet vielleicht treibt ihn das Schicksal empor.

(24.02.2013)

 

Der Paradiesvogel
 
"Sag, Onkel, sag, wie machst du denn solche Gedichte?" -
"Ja, Kinder, das ist keine so einfache Geschichte!
Wißt ihr, wenn es ganz still ist und niemand mich stört,
So still, daß man die Sonnenstäubchen fallen hört,
Da klopft es ans Fenster, eins, zwei, drei:
Der Paradiesvogel ist da! Er bringt dir ein Ei.
Da öffn' ich das Fenster, da fliegt er herein,
Seine Federn sind heller als Sonnenschein
Und leuchten in lachenden, hellen und zarten,
Bunten Farben wie Blumen im Frühlingsgarten.
Und ich, ich mach' einen Knix, meiner six, bis auf die Erde.
Dann setzt sich der Vogel mit edler Gebärde
Vor mich auf den Tisch und, eins, zwei, drei,
Legt er auf mein Tintenfaß ein goldenes Ei.
Ja, wirklich, ein goldenes Ei! Kein Scherz!
Das nehm' ich und leg' es noch warm an mein Herz,
Und leg' es ans Herz und wärm' es zwei Wochen.
Und eines Tags ist ein kleines Vöglein ausgekrochen.
Das öffnet den goldenen Schnabel und singt
Und singt, daß das ganze Zimmer klingt.
Und was es singt, das schreib ich einfach hier nieder.
Seht ihr, Kinder, so mach ich die Lieder!"
"Ja, Onkel, aber wie schaut denn der Vogel aus?
Wie unser Kanarienvogel zu Haus?
Oder größer, wie ein Adler oder wie ein Storch?"
"Ja, Kinder, wie ein bunter Storch! Aber, horch,
Habt ihr denn nicht jetzt das Klopfen vernommen?
Eins, zwei, drei? Der Paradiesvogel will kommen!
Jetzt nur rasch fort. Schaut euch nicht um! Still, still.
Wer weiß, ob er nicht für euch ein Märchen bringen will!"
 
Hugo Salus
Aus der Sammlung Kinderlieder


    eingestellt am 17.02.2013

 

Vergänglichkeit

Vom Baum des Lebens fällt
Mir Blatt um Blatt,
O taumelbunte Welt,
Wie machst du satt,
Wie machst du satt und müd,
Wie machst du trunken!
Was heut noch glüht,
Ist bald versunken.
Bald klirrt der Wind
Über mein braunes Grab,
Über das kleine Kind
Beugt sich die Mutter herab.
Ihre Augen will ich wiedersehn,
Ihr Blick ist mein Stern,
Alles andre mag gehn und verwehn,
Alles stirbt, alles stirbt gern.
Nur die ewige Mutter bleibt,
Von der wir kamen,
Ihr spielender Finger schreibt
In die flüchtige Luft unsre Namen.

 

Hermann Hesse, Februar 1919

    eingestellt am 01.02.2013

 

 

 

Adelbert von Chamisso

Pech.

Wahrlich, aus mir hätte vieles
    Werden können in der Welt,
Hätte tückisch nicht mein Schicksal
    Sich mir in den Weg gestellt.

Hoher Ruhm war zu erwerben,
    Wenn die Waffen ich erkor;
Mich den Kugeln preis zu geben
    War ich aber nicht der Thor.

Um der Musen Gunst zu buhlen
    War ich minder schon entfernt;
Ein Gelehrter wär ich worden,
    Hätt' ich lesen nur gelernt.

Bei den Frauen, sonder Zweifel,
    Hätt' ich noch mein Glück gemacht,
Hätten sie mich aller Orten
    Nicht unmenschlich ausgelacht.

Wie zum reichen Mann geboren,
    Hätt' ich diesen Stand erwählt,
Hätte nicht vor allen Dingen
    Immer mir das Geld gefehlt.

Über einen Staat zu herrschen
    War vor allen ich der Mann,
Meine Gaben und Talente
    Wiesen diesen Platz mir an.

König hätt' ich werden sollen,
    Wo man über Fürsten klagt,
Doch mein Vater war ein Bürger,
    Und das ist genug gesagt.

Wahrlich, aus mir hätte vieles
    Werden können in der Welt,
Hätte tückisch nicht mein Schicksal
    Sich mir in den Weg gestellt.

 

    eingestellt am 27.01.2013

 

 

Matthias Claudius, 1778

Der Mond ist aufgegangen
Die gold'nen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar
Der Wald steht schwarz und schweiget
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar

Wie ist die Welt so stille
Und in der Dämmerung Hülle
So traulich und so hold
Gleich einer stillen Kammer
Wo ihr des Tages Jammer
Verschlafen und vergessen sollt

Seht ihr den Mond dort stehen
Er ist nur halb zu sehen
Und ist doch rund und schön
So sind wohl manche Sachen
Die wir getrost verlachen
Weil unsere Augen sie nicht seh'n

Wir stolzen Menschenkinder
Sind eitel arme Sünder
Und wissen gar nicht viel;
Wir spinnen Luftgespinste
Und suchen viele Künste
Und kommen weiter von dem Ziel.

Gott. laß dein Heil uns schauen,
Auf nichts Vergänglichs trauen,
Nicht Eitelkeit uns freun!
Laß uns einfältig werden
Und vor dir hier auf Erden
Wie Kinder fromm und fröhlich sein!

Wollst endlich sonder Grämen
Aus dieser Welt uns nehmen
Durch einen sanften Tod!
Und wenn du uns genommen,
Laß uns in'n Himmel kommen,
Du unser Herr und unser Gott!

So legt euch denn ihr Brüder
In Gottes Namen nieder
Kalt ist der Abendhauch
Verschon uns, Gott, die Strafen
Und laß uns ruhig schlafen,
Und unser'n kranken Nachbar auch.

 

    eingestellt am 19.01.2013

 

 

 

Friedrich Rückert 
 

Nie noch war ein Januar

 

Nie noch war ein Januar
So gelind, 
Und so gar im Februar
Frühlingswind,   
Wie in diesem Jahr
Wunderbar
Beide Mone sind.

Nie doch war im Januar
Sturm und Wind,
Nie im Jahr der Februar
Ungelind,  
Wie auf immerdar 
Mir dies Paar
Unglücksmonde sind.

Auf der Bahr im Januar
Lag mein Kind;
Bringst du dar,  o Februar,
Kranzgewind?
Deine Tage klar
Nehmen wahr
Augen tränenblind.

 

    eingestellt am 13.01.2013

 

 

 

Rainer Maria Rilke (1875-1926)

Die heiligen drei Könige

Legende

Einst als am Saum der Wüsten sich
auftat die Hand des Herrn
wie eine Frucht, die sommerlich
verkündet ihren Kern,
da war ein Wunder: Fern
erkannten und begrüßten sich
drei Könige und ein Stern.

Drei Könige von Unterwegs
und der Stern Überall,
die zogen alle (überlegs!)
so rechts ein Rex und links ein Rex
zu einem stillen Stall.

Was brachten die nicht alles mit
zum Stall von Bethlehem!
Weithin erklirrte jeder Schritt,
und der auf einem Rappen ritt,
saß samten und bequem.
Und der zu seiner Rechten ging,
der war ein goldner Mann,
und der zu seiner Linken fing
mit Schwung und Schwing
und Klang und Kling
aus einem runden Silberding,
das wiegend und in Ringen hing,
ganz blau zu rauchen an.
Da lachte der Stern Überall
so seltsam über sie,
und lief voraus und stand am Stall
und sagte zu Marie:

Da bring ich eine Wanderschaft
aus vieler Fremde her.
Drei Könige mit Magenkraft +,
von Gold und Topas schwer
und dunkel, tumb und heidenhaft, -
erschrick mir nicht zu sehr.
Sie haben alle drei zuhaus
zwölf Töchter, keinen Sohn,
so bitten sie sich deinen aus
als Sonne ihres Himmelblaus
und Trost für ihren Thron.
Doch musst du nicht gleich glauben: bloß
ein Funkelfürst und Heidenscheich
sei deines Sohnes Los.
Bedenk, der Weg ist groß.
Sie wandern lange, Hirten gleich,
inzwischen fällt ihr reifes Reich
weiß Gott wem in den Schoß.
Und während hier, wie Westwind warm,
der Ochs ihr Ohr umschnaubt,
sind sie vielleicht schon alle arm
und so wie ohne Haupt.
Drum mach mit deinem Lächeln licht
die Wirrnis, die sie sind,
und wende du dein Angesicht
nach Aufgang und dein Kind;
dort liegt in blauen Linien,
was jeder dir verließ:
Smaragda und Rubinien
und die Tale von Türkis.

 

 

Neujahrslied

 

(Johann Peter Hebel (1760-1826))


Mit der Freude zieht der Schmerz
traulich durch die Zeiten.
Schwere Stürme, milde Weste,
bange Sorgen, frohe Feste
wandeln sich zu Zeiten.

Und wo eine Träne fällt,
blüht auch eine Rose.
Schon gemischt, noch e wir's bitten,
ist für Throne und für Hütten
Schmerz und Lust im Lose.

War's nicht so im alten Jahr?
Wird's im neuen enden?
Sonnen wallen auf und nieder,
Wolken gehn und kommen wieder
und kein Mensch wird's wenden.

Gebe denn, der über uns
wägt mit rechter Waage,
jedem Sinn für seine Freuden,
jedem Mut für seine Leiden
in die neuen Tage,

jedem auf dem Lebenspfad
einen Freund zur Seite,
ein zufriedenes Gemüte
und zu stiller Herzensgüte
Hoffnung ins Geleite!

 

 


Und wieder hier draußen...

(Theodor Fontane (1819-1898))

Und wieder hier draußen ein neues Jahr -
Was werden die Tage bringen?!
Wird's werden, wie es immer war,
Halb scheitern, halb gelingen?

Wird's fördern das, worauf ich gebaut,
Oder vollends es verderben?
Gleichviel, was es im Kessel braut,
Nur wünsch' ich nicht zu sterben.

Ich möchte noch wieder im Vaterland
Die Gläser klingen lassen
Und wieder noch des Freundes Hand
Im Einverständnis fassen.

Ich möchte noch wirken und schaffen und tun
Und atmen eine Weile,
Denn um im Grabe auszuruhn,
Hat's nimmer Not noch Eile.

Ich möchte leben, bis all dies Glühn
Rücklässt einen leuchtenden Funken
Und nicht vergeht wie die Flamm' im Kamin,
Die eben zu Asche gesunken.

 

 

Rainer Maria Rilke

Es gibt so wunderweiße Nächte,
drin alle Dinge Silber sind.
Da schimmert mancher Stern so lind,
als ob er fromme Hirten brächte
zu einem neuen Jesuskind.

Weit wie mit dichtem Demantstaube
bestreut, erscheinen Flur und Flut,
und in die Herzen, traumgemut,
steigt ein kapellenloser Glaube,
der leise seine Wunder tut.

 


Advent

Rainer Maria Rilke


Es treibt der Wind im Winterwalde
Die Flockenherde wie ein Hirt,
Und manche Tanne ahnt, wie balde
Sie fromm und lichterheilig wird.
Und lauscht hinaus. Den weißen Wegen
Streckt sie die Zweige hin bereit
Und wehrt dem Wind und wächst entgegen
Der einen Nacht der Herrlichkeit.

 

 

Verse zum Advent

von Theodor Fontane

Noch ist Herbst nicht ganz entflohn,
Aber als Knecht Ruprecht schon
Kommt der Winter hergeschritten,
Und alsbald aus Schnees Mitten
Klingt des Schlittenglöckleins Ton.

Und was jüngst noch, fern und nah,
Bunt auf uns herniedersah,
Weiß sind Türme, Dächer, Zweige,
Und das Jahr geht auf die Neige,
Und das schönste Fest ist da.

Tag du der Geburt des Herrn,
Heute bist du uns noch fern,
Aber Tannen, Engel, Fahnen
Lassen uns den Tag schon ahnen,
Und wir sehen schon den Stern.

Copyright